{"id":184,"date":"2017-01-01T17:07:33","date_gmt":"2017-01-01T17:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=184"},"modified":"2017-01-11T22:24:34","modified_gmt":"2017-01-11T21:24:34","slug":"von-guten-maechten-eroeffnung-dietrich-bonhoeffer-zentrum-22-1-2016","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=184","title":{"rendered":"Von guten M\u00e4chten &#8211; Er\u00f6ffnung Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum (22.1.2016)"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Ich bin so froh, dass ich dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch Dich auch die Eltern und Geschwister gr\u00fc\u00dfen und Euch danken kann. Es werden sehr stille Tage in unseren H\u00e4usern sein. <\/em><!--more--><\/p>\n<p><em>Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit euch gesp\u00fcrt. <\/em><\/p>\n<p><em>Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gef\u00fchlt. <\/em><\/p>\n<p><em>Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Sch\u00fcler im Feld, Ihr seid mir gegenw\u00e4rtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, l\u00e4ngst vergangene Gespr\u00e4che, Musikst\u00fccke, B\u00fccher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein gro\u00dfes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realit\u00e4t man keinen Zweifel hat.\u201c<\/em> (Brautbriefe, 208.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das, liebe Festgemeinde, schreibt der Namensgeber unseres neuen Zentrums, der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, an seine Verlobte Maria von Wedemeyer: kurz vor Weihnachten 1944 aus dem Gef\u00e4ngnis in Berlin-Tegel, in dem er als Widerstandsk\u00e4mpfer gegen den Nationalsozialismus festgehalten wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein Brief voller Beziehung und Liebe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit Maria ist er zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre verlobt, aber die beiden haben sich kaum in Freiheit gesehen. Sein Schwager sitzt nach dem Attentat des 20. Juli im gleichen Gef\u00e4ngnis ein. Die Familie muss sich im verw\u00fcsteten Berlin durchschlagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jede Zeile dieses Briefes \u2013 sie ist ein Akt der Begegnung mit anderen Menschen, eine Vergewisserung von Liebe an einem Ort, der mit Einsamkeit und Hass zerst\u00f6ren will.<\/p>\n<p>Bonhoeffer schreibt, er hat sich noch keinen Moment einsam gef\u00fchlt. Als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eDer Mensch lebt notwendig von der Begegnung mit andere Menschen\u201c <\/em>\u2013 das ist der erste Halbsatz aus Bonhoeffers Hauptwerk, der \u201eEthik\u201c, \u00a0der die Einladung zur Er\u00f6ffnung unseres Autismuszentrums ziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie wahr muss ihm dieser Satz im Gef\u00e4ngnis geworden sein \u2013 und wie dramatisch und buchst\u00e4blich m\u00f6rderisch Bonhoeffers Leben zu Ende ging, k\u00f6nnen Sie in der kurzen Lebensdarstellung im Gottesdienstprogramm nachlesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Suche ich nach der <em>diakonischen<\/em> Haltung Bonhoeffers \u2013 und wir haben dieses Zentrum nicht einfach nach dem gleichnamigen Weg benannt, sondern allzu gerne in Erinnerung an diesen wichtigen Glaubensbruder! &#8211; , auch dann sto\u00dfe ich zu allererst auf die Erfahrungen, die Bonhoeffer <em>selbst<\/em> gemacht hat:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sogar in der absoluten Isolation des Gef\u00e4ngnisses f\u00fchlt er die Liebe und die Beziehung zu seinen Lieben. Er hat vor Augen ein komplettes Bild, wie ein zusammengesetztes Puzzle, was ihn im Leben h\u00e4lt: Familie, Freunde, die Verlobte, gute Gedanken, B\u00fccher, Bibelworte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In ganz anderer Zeit, an einem ganz anderen Ort und unter ganz anderen Vorzeichen machen diese Erfahrung nun schon seit November Mitarbeitende und Bewohner und Besch\u00e4ftigte in unserem neuen Zentrum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier ist gerade ein Bild entstanden, wie ein zusammengesetztes Puzzle: Wer ist da eigentlich eingezogen? Welche Vorlieben hat ein Mensch, der nun mein Nachbar ist? Welche Beziehungen kn\u00fcpfe ich? Wer ist der Andere? Wie kommen wir zurecht? Oder auch: Welche Begegnungen scheue ich in einem Umfeld, wo jeder sicher genauso \u00a0viel menschliche W\u00e4rme braucht, sie selber aber schwerer zeigen kann?!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mensch lebt von Begegnungen mit anderen Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist an sich noch nicht diakonisch, sondern allgemein human. Aber nehmen wir den weihnachtlich anmutenden Brieftext des 1Joh dazu, entsteht <em>dahinter<\/em> ein Gedanke, der auch ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Theologie Dietrich Bonhoeffers ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mensch lebt von Begegnungen, weil Gott selber uns begegnet ist in Jesus, dem Christus. Das ist im 1Joh nichts anderes als ein R\u00fcckgriff auf Weihnachten: <em>Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass christliches Leben dann nur in der Begegnung mit Anderen sich verwirklicht, hat damit zu tun, dass wir dieser Gottes-Bewegung nachgehen sollen und k\u00f6nnen: So wie Gott uns begegnet ist und uns geliebt hat, so k\u00f6nnen wir einander begegnen \u2013 und gerade darin k\u00f6nnen wir Gottes Liebe sichtbar und f\u00fchlbar machen: \u201eWer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit ist von Gott alles gesagt: Er liebte die Welt so sehr, dass er der Welt leibhaftig begegnet ist. Und es ist alles \u00fcber den Menschen gesagt, wie wir gerade auch schon im Psalm gebetet haben: Der Mensch ist wunderbar gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mensch kommt zu seiner Bestimmung in der Begegnung zum N\u00e4chsten. Autonom kann der Mensch nicht bestehen, sondern nur in Beziehung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man muss es vor dem Hintergrund der damaligen Zeit h\u00f6ren \u2013 und es wirkt auch heute provokant:<\/p>\n<ul>\n<li>Es geht in der Begegnung nie ums Herrschen, sondern ums Lieben.<\/li>\n<li>Es geht um den Menschen an sich und dem so entlastenden Eingest\u00e4ndnis, dass <em>jeder<\/em> bed\u00fcrftig ist nach Begegnung und Liebe, Not-wendiger und Not wendender Weise. Kein Mensch ist nur stark oder schwach, Hilfebed\u00fcrftiger oder Hilfegebender. Bei Bonhoeffer: kein Mensch ist arisch oder nicht-arisch<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Mensch lebt notwendig in der Begegnung mit anderen Menschen \/ und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung auferlegt.\u201c <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bonhoeffer erw\u00e4chst aus Begegnung Verantwortung f\u00fcr andere. ( Das ist der zweite Teil des Satzes.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christliche Verantwortung entsteht immer in einer Situation, nie prinzipiell. (Das Puzzle ist daher immer offen und unfertig.) Verantwortung entsteht weniger f\u00fcr eine Sache, sondern immer f\u00fcr einen Menschen. Verantwortung schlie\u00dft ein, dass man auch mal scheitert in der Begegnung mit Menschen. \u2013 Bonhoeffers Haltung ist also alles andere als naiv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und: Verantwortung ist wechselseitig: Auch ich darf auch darauf vertrauen, dass der Andere, der mir begegnet, Verantwortung f\u00fcr mich hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie modern sind die Gedanken Bonhoeffers! Wie ernst nehmen sie jeden Menschen an sich und wie wenig ordnen sie ihm seinen festen vorgegebenen Platz zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er seinen Brief aus der Gef\u00e4ngniszelle schreibt, da ist er sich bewusst, dass er selber Empfangender ist, aber auch Verantwortlicher, f\u00fcr sein eigenen Leben und f\u00fcr das Leben seiner Lieben, auch wenn ihnen nicht mehr pers\u00f6nlich begegnen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer f\u00fchlt sich f\u00fcr mich verantwortlich?<\/p>\n<p>Was geschieht mir?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und damit ist auch der weihnachtliche Gedanke dahinter ber\u00fchrt: Wie erscheint mir die Liebe Gottes, die im Kind in der Krippe greifbar geworden ist? Und wie verstehe ich daraus meine Verantwortung \/ als eine Antwort auf diese Liebe Gottes?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Im BDZ wird sich alles wie zu einem Puzzle zusammensetzen. Aber das Bild bleibt offen und unfertig bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beispiele von ersten Begegnungen haben wir vorgetragen. Dahinter steht \u2013 wie im 1Joh beschrieben \u2013 das weihnachtliche Verhei\u00dfung, dass Gott uns in diesen menschlichen Begegnungen selbst begegnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Diakonie ist Weihnachten daher so unendlich wichtig. Daher wird es mit dem Schlusslied am Ende dieses Gottesdienstes auch nochmals richtig weihnachtlich, bevor dann am Sonntag die Weihnachtszeit endet und die Vorpassionszeit beginnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffer, der im Gef\u00e4ngnis von allen Begegnungen abgeschlossen ist, beendet den Weihnachtsbrief 1944 mit Zeilen, die weltber\u00fchmt geworden sind, und voller Begegnung und Beziehung stecken:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Liebe Maria, werde nicht mutlos! Ich bin froh, dass du bei den Eltern bist. Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen: Sie sind der Weihnachtsgru\u00df f\u00fcr Dich und die Eltern und Geschwister: <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Von guten M\u00e4chten treu und still umgeben<\/em><\/p>\n<p><em>Beh\u00fctet undgetr\u00f6stet wunderbar\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><em>So will ich diese Tage mit euch leben<\/em><\/p>\n<p><em>Und mit euch gehen in ein neues Jahr.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bin so froh, dass ich dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch Dich auch die Eltern und Geschwister gr\u00fc\u00dfen und Euch danken kann. 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