{"id":179,"date":"2017-01-01T16:48:07","date_gmt":"2017-01-01T16:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=179"},"modified":"2019-03-02T13:26:17","modified_gmt":"2019-03-02T12:26:17","slug":"was-wirklich-ist-rede-zum-70-jahrestages-des-ueberfalls-auf-russland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=179","title":{"rendered":"Was wirklich ist &#8211; Rede zum 70. Jahrestages des \u00dcberfalls auf Russland"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWas wirklich ist, glauben wir genau zu wissen. Die Hungertoten von Leningrad, die brennenden D\u00f6rfer der Ukraine, der langsame und qualvolle Tod sowjetischer Arbeitssklaven in Deutschland \u2013 20 Millionen\u00a0 Tote \u2013 sind wirklich, obwohl die Zahl sich menschlicher Vorstellungskraft entzieht.<!--more--><\/p>\n<p>Wirklich ist auch die Umkehrung des Grauens, das sich am Ende \u00fcber Deutschland legte, die Revanche der Vertreibung, die Vernichtung deutscher St\u00e4dte und ihrer Kultur.<\/p>\n<p>Unter dem Strich bleiben nach 50 Jahren immer noch das Misstrauen, die Vorurteile des Westens gegen den Osten, der heimliche Hass auf beiden Seiten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor 50 Jahren \u2026 Das war 1991. Das sagte der rheinische Pr\u00e4ses Peter Beier am 22. Juni 1991 in seiner Predigt bei einer orthodoxen Totenmesse in der Dreifaltigkeitskirche in Pskow. Genau 20 Jahre her!<\/p>\n<p>Mich hat damals die Person Peter Beier, Pr\u00e4ses der Evangelischen Kirche im Rheinland, fasziniert: sein unerschrockenes Bekenntnis f\u00fcr den Frieden. Peter Beier hat mich politisiert, vielleicht auch zum Theologiestudium gebracht. Und er hat mich zum Vers\u00f6hnungsgedanken gegen\u00fcber Russland gebracht. Konkret: nach Pskow, dorthin, wo er 1991 sprach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pskow \u2013 eine Stadt in Russland. Eine Stadt zwischen St. Petersburg und Moskau, einst eine Stadt mit 70.000 Menschen, die \u2013 als die Deutschen mit ihr 1943 fertig waren, &#8211; noch 164 \u00dcberlebende, 16 unzerst\u00f6rte H\u00e4user hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute vor 20 Jahren waren erstmals Christen aus Deutschland, aus dem Rheinland dorthin gefahren. Die Synode hatte beschlossen, die Vers\u00f6hnungsarbeit \u2013 begonnen noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs \u2013 fortzusetzen und hinzureisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie kamen, um die Hand zur Vers\u00f6hnung auszustrecken. Unsicher und nicht wissend, ob die gestreckte Hand ergriffen oder ausgeschlagen wird, nach allem, was passiert war.<\/p>\n<p>Es ist eben ein Unterschied: ob man kommt, um sich zu entschuldigen, oder ob einem die Hand zur Vergebung gereicht wird. Vergeben kann nur das Opfer. Die Russen schlugen die entgegengestreckte Hand nicht aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich war das erste Mal 2006 in Pskow. Die Deutschen, die 1991 kamen, hatte die Verlierer des neuen Russland gesehen: behinderte Menschen. Alte Menschen. Sie hatten begonnen, aus dem Vers\u00f6hnungsgedanken heraus diakonische Einrichtungen aufzubauen: Sie bauten Russlands erste Behindertenwerkstatt. Ein Fr\u00fchf\u00f6rderzentrum, eine S\u00e4uglingsstation. Inzwischen 40 Projekte. 20 Mill. EUR ist bis heute allein von deutscher Seite finanziert worden, 140 Arbeitspl\u00e4tze geschaffen worden.<\/p>\n<p>Peter Beier hat damals in seiner Predigt sehr realistisch vom Menschen gesprochen, von seinem Hang, von Krieg und Gewalt nicht lassen zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>\u201eWer will von Vers\u00f6hnung reden, gar von Vers\u00f6hnung der V\u00f6lker? Unvers\u00f6hnt und unvers\u00f6hnlich stehen wir uns in der Wirklichkeit gegen\u00fcber. Aber wer bestimmt eigentlich, was wirklich ist und folglich Wirkung erzeugt?<\/p>\n<p>Wir Christen vernehmen etwas Unbegreifliches, h\u00f6ren ein fremdes Wort. Dieses Wort stemmt sich gegen unsere Definition von Wirklichkeit und befragt unsere Erfahrungen. Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit ihm selbst.<\/p>\n<p>Da, am Kreuz auf Goldagatha, da, im Leib eines gequ\u00e4lten get\u00f6teten Menschen, da, in einem Vorgang, der die unvers\u00f6hnliche Wirklichkeit nur zu best\u00e4tigen scheint \u2013 da ist und war Gott selbst.<\/p>\n<p>Er rechnet nicht ab, sondern vergibt. Er die sieht die Welt als mit ihm vers\u00f6hnte Welt an.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An unseren Russengr\u00e4bern in Altena sind wir gemahnt, heute, 70 Jahre nach dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion, f\u00fcr Vers\u00f6hnung einzustehen. Und um unsere eigene Unzul\u00e4nglichkeit zu wissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seien wir Christen und keine Christen: Wir sind gemahnt, die Empfindsamkeit f\u00fcr den Frieden uns zu erhalten. Wiedergutmachung, in dem Sinne, wie ich es in Pskow erlebt habe, ist weniger ein moralischer Anspruch, vielmehr Ausdruck dessen, was wir theologisch \u201eUmkehr zu neuem Leben\u201c nennen: sich immer wieder neu auszurichten am Menschen als N\u00e4chsten, zu lernen aus dem, was an Menschlichkeit starb in den Katastrophen von Stalingrad, Treblinka oder einfachen St\u00e4dten wie Pskow.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich 2006 in Pskow war, haben wir uns auf eine mehrst\u00fcndige Busfahrt begeben, raus aus der Stadt, hin zu einem frei gelegten St\u00fcck russische Erde, dem Soldatenfriedhof Sebesh. In den 1940er-jahren sind dort junge M\u00e4nner beider Seiten gestorben und verschart worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun kamen junge Deutsche und junge Russen gemeinsam dorthin, zum Gedenken. Durch die Deutsche Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge wurden in den letzten Jahren Massengr\u00e4ber freigelegt und ein Friedhof angelegt \u2013 ein Ort des <em>gemeinsamen<\/em> Gedenkens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Ort hat mich \u00e4hnlich fasziniert wie die diakonischen Einrichtungen in der Stadt Pskow:<em> Denn nur aus dem Gedenken, was war, w\u00e4chst die Erkenntnis, was heute zu tun ist.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute dr\u00e4ngen sich viele konkrete Fragen auf: Was bedeutet das alte Credo der Friedensbewegung, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen darf, f\u00fcr die heutige Lage und den Krieg in Afghanistan? \u2013 Kann man bei einem solchen Kampfeinsatz wirklich eine Trennlinie ziehen zwischen humanit\u00e4ren Zielen, der Verteidigung freiheitlicher Werte oder handfesten wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen? Ist milit\u00e4rischer Einsatz die Voraussetzung f\u00fcr zivile Hilfe \u2013 oder doch nicht eher ihr Hindernis?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKrieg darf nach Gottes Willen nicht sein.\u201c So eindeutig und klar brachte es der \u00d6kumenischen Rat der Kirchen in Amsterdam 1948 auf den Punkt. In den Zusammenhang dieses christlichen Friedenszeugnisses geh\u00f6rt der Satz Margot K\u00e4\u00dfmanns: \u201eNichts ist gut in Afghanistan!\u201c \u2013 Wer ihr Undifferenziertheit vorwirft, muss sich selber fragen lassen, ob seine Haltung nicht viel zu pragmatisch und vom Friedensgedanken uninspiriert ist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich blicke auf die Gr\u00e4ber des Zweiten Weltkriegs, ob sie nun in Altena oder Russland liegen, und sehe die Vers\u00f6hnungstaten der letzten Jahrzehnte, auch wie wir sie hier mit unserer Partnerstadt Pinsk auch in diesen Tagen kultivieren. Und ich w\u00fcnsche mir mehr prinzipielle Entr\u00fcstung \u00fcber Kriege, Kampfeins\u00e4tze und Waffenexporte und mehr Visionen f\u00fcr Vers\u00f6hnung, Frieden und \u201eUmkehr\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht hat es der christliche Glaube leichter. Denn eine grunds\u00e4tzliche Gesinnung zum Frieden kommt nicht dem oft unvers\u00f6hnlichen Menschen heraus. Frieden wird uns von au\u00dfen geschenkt und ver\u00e4ndert und bef\u00e4higt uns erst zum Frieden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMag die Menschlichkeit eine Ungeheuerlichkeit auf die andere t\u00fcrmen \u2013 Gott l\u00e4sst sich in seiner Liebe nicht beirren. Er setzt die neue Wirklichkeit. Sie hei\u00dft Vers\u00f6hnung. Eine andere Wirklichkeit z\u00e4hlt nicht.\u201c (Predigt Peter Beier, Pskow 1991)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWas wirklich ist, glauben wir genau zu wissen. 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