{"id":1328,"date":"2017-11-22T11:37:31","date_gmt":"2017-11-22T10:37:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=1328"},"modified":"2019-09-26T22:00:01","modified_gmt":"2019-09-26T20:00:01","slug":"freiheit-hinter-gittern-predigt-buss-und-bettag-2017","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?p=1328","title":{"rendered":"Freiheit hinter Gittern &#8211; Predigt Bu\u00df- und Bettag 2017"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/?attachment_id=1329\" rel=\"attachment wp-att-1329\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1329\" src=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3054-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3054-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3054-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.dietmar-kehlbreier.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3054-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Wer bin ich, Gott? &#8211; Ein nach au\u00dfen freier und freundlicher Mensch? Oder bin ich, was ich von mir selber wei\u00df, ein Vogel im K\u00e4fig, d\u00fcrstend und zitternd? Oder bin ich am Ende beides?<!--more--><\/p>\n<p><strong>Predigt \u2013 Christuskirche Recklinghausen\u00a0Bu\u00df- und Bettag 2017 <\/strong><\/p>\n<p>Was der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Juli 1944 dichtet, ist ein Hin- und Hergerissensein \u00fcber sich selbst. Er schreibt diese Zeilen als Gefangener der Nazis aus dem Wehrmachtsgef\u00e4ngnis in Berlin-Tegel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Schluss wird aus dem Gedicht ein Gebet: <em>Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gebet schleudert Gott die ganze Verworrenheit und Widerspr\u00fcchlichkeit der Situation entgegen: die innere Haltung eines Christenmenschen auf Hoffnung und Zuversicht &#8211; und die Fassade eines Menschen, der seine \u00e4u\u00dfere Haltung vor lauter Verzweiflung und Angst nicht verlieren will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bonhoeffer wirft sich Gott an den Hals: &#8222;Wer ich auch bin &#8230;&#8220; &#8211; Und endet dann in einer Mischung aus Bittruf und Bekenntnis: <em>Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Das Gebet ist wie ein Spiegel. Aber in diesem Spiegel muss ich nicht zuerst mich betrachten. Sondern das Gebet ist wie ein Spiegel, in dem ich mich als Gottes Ebenbild erkenne. Er kennt mich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>War dieses Gebet f\u00fcr Bonhoeffer ein Moment der Freiheit?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>II.<\/strong><\/p>\n<p>Szenenwechsel. Reformationssommer. In der Ausstellung &#8222;Luther und die Avantgarde&#8220; trifft die Reformation auf Kunst &#8211; an einem absolut ungew\u00f6hnlichen Ort: Ich laufe in einem alten Gef\u00e4ngnis Wittenbergs kahle lange G\u00e4nge entlang. In den Zellen haben 65 K\u00fcnstler die Botschaft Martin Luthers in moderne Kunst umgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8222;Freiheit hinter Gittern&#8220; &#8211; k\u00f6nnte man sagen. Es geht um Meinungsfreiheit in China. Der Menschenrechtler und Bildhauer Ai Wei Wei hat einen Mamorblock entworfen, aus dessen Silhouette ein in sich verkr\u00fcmmter Mensch entwichen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine andere Zelle wirkt durch die Lichtverh\u00e4ltnisse zun\u00e4chst leer, bis man auf gr\u00fcne Schattierungen an den W\u00e4nden merkt: Dort sind 99 Namen Gottes an die W\u00e4nde geritzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lange bleibe ich vor der Zelle stehen, die der russische K\u00fcnstler Andrey Kuzkin gestaltet hat. Der K\u00fcnstler hat in seiner Zelle eine Stellage mit zahlreichen Figuren zusammengestellt, Sie alle knien und- beten. Manche in sich gebeugt, manche mit Blick zur Zellendecke. [Titelbild]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Figuren sind aus Brot, Salz und Spucke gemacht. So \u00e4hnlich haben es Menschen in den Konzentrationslagern getan und tun es heute noch in den Gef\u00e4ngnissen totalit\u00e4rer Staaten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jede Figur, so scheint es mir, vereinigt die widerspr\u00fcchlichen Gedanken der Unfreien: Verzweiflung, Haltung, Hoffnung und Humanit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>III.<\/strong><\/p>\n<p>Erneuter Szenenwechsel: Sie singen &#8211; wie wir heute morgen &#8211; &#8222;Bleibet hier und wachet mit mir&#8220;: Gemeindeglieder der Berliner Gethsemanekirche, dort wo einst der Protest gegen das DDR-Regime begann und wo immer noch montagabends f\u00fcr den Frieden gebetet wird. Zwischenzeitlich kamen nur noch vier oder f\u00fcnf zum Montagsgebet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit dem Sommer sind es pl\u00f6tzlich wieder viel mehr. Sogar Berlins Regierender B\u00fcrgermeister ist ein Mal dabei, B\u00fcrgerrechtler und Menschen vom Prenzlauer Berg, die man sonst nicht in der Kirche sieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kerzen werden entz\u00fcndet, Lieder gesungen und Gebete formuliert. F\u00fcr Peter Steudtner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Peter Steudtner geh\u00f6rt zur Gemeinde. Er zum Politikstudium nach Berlin, engagierte sich bei Amnesty International. Er setzte sich gegen die Todesstrafe in den USA und gegen die Unterdr\u00fcckung der Kurden in der T\u00fcrkei ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Sommer wurde Peter Steudtner in der T\u00fcrkei verhaftet Sein Schicksal war zwischenzeitlich genauso ungewiss wie das von Deniz Y\u00fccel und all den anderen in der T\u00fcrkei Inhaftierten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch am Abend der Verhaftung findet das erste F\u00fcrbittengebet f\u00fcr den gefangenen Steudtner statt. Steudtner erf\u00e4hrt davon, dass seine Gemeinde f\u00fcr ihn betet. Es hei\u00dft: &#8222;Wenn sie f\u00fcr ihn beten, steht er auf dem Gef\u00e4ngnishof und singt lauthals mit.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er bedankt sich in offenen Briefen. Als 100 Tage rum sind, formuliert er, als ob er \u00fcber die Wirkung der Gebete schriebe: &#8222;100 Tage eure Solidarit\u00e4t und Kraft sp\u00fcren, \u2026100 Tage Unsicherheit wie lange noch, 100 Tage wissen, dass unsere Solidarit\u00e4t Grenzen und Gef\u00e4ngnismauern \u00fcberwindet.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 25. Oktober -endlich &#8211; wird er entlassen und kann zun\u00e4chst einmal nach Deutschland zur\u00fcckkehren. Wie nur hat er das ausgehalten? Welche Gedanken mag er &#8211; auch Gott gegen\u00fcber &#8211; gehabt haben? Hat er auch deshalb durchgehalten, weil Menschen f\u00fcr ihn gebetet haben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong><\/p>\n<p>Noch so eine Gefangenengeschichte: <em>&#8222;Ich lasse euch aber wissen, liebe Br\u00fcder&#8220;<\/em>, schreibt der Apostel Paulus: &#8222;<em>Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur F\u00f6rderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln f\u00fcr Christus trage, das ist den Machthabern und allen anderen offenbar geworden. &#8220; <\/em>(Phil 1,12ff.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus schreibt den Brief an die Philipper aus dem Gef\u00e4ngnis. Es ist eigent\u00fcmlicher Weise der hellsten und hoffnungsvollsten \u00fcberhaupt. Am Ende ruft Paulus zur G\u00fcte und zum dankenden und f\u00fcrbittenden Gebet auf:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&#8222;Freuet euch im Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure G\u00fcte lasst kund sein allen Menschen. Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.&#8220; (Phil 4,4-5)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paulus f\u00fchlt sich innerlich frei, weil er sich an Christus gebunden f\u00fchlt. Daran scheint auch \u00e4u\u00dfere Unfreiheit nichts zu \u00e4ndern. Er kann &#8211; im Gef\u00e4ngnis sitzend &#8211; dankbar an seine Gemeinde denken und sie zur Fr\u00f6hlichkeit animieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich liegt darin die Kraft des Gebetes:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gebete sind so frei, wie die Gedanken frei sind. In unseren Gebeten k\u00f6nnen wir uns allein an Gott binden. Wir k\u00f6nnen Zweifel, Wut und Unrecht ihm entgegenschleudern. Unsere Fragen, wer wir sind, wie Dietrich Bonhoeffer es tut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gebete, in denen andere f\u00fcr mich vorsprechen, st\u00e4rken mich und machen mich frei, dass meine Gedanken nur um michkreisen. Gute W\u00fcnsche gehen selbst \u00fcber Mauern hinweg, wie es wom\u00f6glich Peter Steudtner erlebt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ausstellung in Wittenberg hat mir umgekehrt aber auch gezeigt: Innere Freiheit ist ohne die \u00e4u\u00dfere nicht viel wert. Gebete sollten doch so konkret sein, dass sie Menschen in Notlagen und im Unrecht erreichen. Dass sich etwas \u00e4ndert. Dass die betenden Figuren im Kunstwerk von Andrey Kuzkin nicht so verharren m\u00fcssen, sondern aufgerichtet in die Freiheit gehen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fragen Sie mich nach meiner Entdeckung im Reformationssommer, dann ist es die Erfahrung im Wittenberger Gef\u00e4ngnis und die Erkenntnis: Luther trennt eben nicht zwischen innerer und \u00e4u\u00dferer Freiheit. wie er hinsichtlich des Gebets auch nicht zwischen geistlichen und leiblichen Gaben unterscheidet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend aus der der Erkl\u00e4rung zum Vaterunser im Kleinen Katechismus: <em>&#8222;Was hei\u00dft Beten? &#8211; Ein herzliches Gespr\u00e4ch mit Gott dem Herrn haben, in dem wir alle unsere Not und mannigfaltigen Anliegen dem allm\u00e4chtigen Gott [&#8230;] vortragen und [&#8230;] allerlei geistliche und leibliche Gaben von ihm erbitten [&#8230;].&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bin ich, Gott? &#8211; Ein nach au\u00dfen freier und freundlicher Mensch? 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