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Ihr Kinderlein kommet
Bildpredigt zur Christmette, Heiligabend 2008, Lutherkirche Altena

 

„Ihr Kinderlein kommet“ ist das Kunstwerk von Beate Heinen betitelt. In der Adventszeit waren ihre Weihnachtsbilder in der Reformierten Kirche in Iserlohn ausgestellt.

 

„Ihr Kinderlein kommet“: Dieses Bild handelt in eindrücklicher Weise die Menschwerdung Gottes: das Kind, ins Licht gerückt durch den hellen Stern.

 

Ein Kind ist uns geboren. Ein Sohn ist uns gegeben.

Ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

 

Menschwerdung Gottes. Das ist das Wunder dieser Nacht.

 

Was aber ist in dieser Heiligen Nacht mit der Menschwerdung des Menschen?

 

Was rührt wohl die umstehenden Kinder auf diesem Bild, die ihr Päckchen zu tragen haben (Person unten links)? Die ihre Wege stolpern? Die ihre Nächsten buchstäblich schultern und mit durchs Leben tragen (Personen in der unteren Reihe)? Die abgemagert, nackt und bloß ihr Leben fristen (rechts)?

 

Weihnachten – die Freude über die Geburt des Jesuskindes – darf nicht verkleistern, wie es um die Kinder dieser Welt bestellt ist, gleich um die Ecke, wie man die Tage in der Ausgabe nur einer Tageszeitung lesen konnte:

 

- Da mussten 60 Kindergartenkinder im Hamburger Vorort Orthmarschen, worüber täglich 35 Airbusse hinweg fliegen, ihren Kindergarten verlassen, weil sich Nachbarn sich vom Lärm gestört fühlten. Das Hamburger Oberlandesgericht stellte „gebietsuntypische Störungen“ und „unzumutbare Belastung“ fest  - durch die Kinder wohlgemerkt, nicht durch die Airbusse.

 

- Oder: Da sieht der Besitz von Kinderpornographie eine Strafe von höchstens zwei Jahren vor – das sind drei Jahre unter der Maximalstrafe von Ladendiebstahl. Ist unserer Gesellschaft Besitz wichtiger als das körperliche Wohl von Kindern?

 

- Oder: Da bekommen Hartz-IV-Kinder nach langem Hin und Her nun doch eine Unterstützung Schulbedarf – doch gezahlt wird zur bis zur 10. Klasse: Sind Hartz-IV-Kinder grundsätzlich nicht fähig oder würdig, Abitur zu machen?

 

Das sind Geschichten, die ich phantasiere hinter den anonymen Gesichtern der Kinder auf dem Gemälde.

 

Nein! Die Geschichte der Menschwerdung Gottes schreit nach der Menschwerdung des Menschen. 2.000 Jahre nach der Ankunft dieses Kindes sind die Verhältnisse und Umstände noch immer „un-menschlich“! Wie wird der Mensch zum Mensch? Wie kommt der Mensch zu seinem Recht? Zum Menschenrecht?

 

60 Jahre ist es her, dass die Völker die Konsequenz aus der Barbarei des Zweiten Weltkrieges zogen: Resolution 217 A/III, UN-Generalversammlung, besser bekannt als die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. An ihrer Spitze heißt es über die Menschwerdung des Menschen:

 

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

 

II.

Gottes Menschwerdung und die Menschwerdung des Menschen haben miteinander zu tun. Von Jesus, dem Christus, schreibt Paulus an die Philipper (in eigener Übertragung):

 

Jesus Christus, der [a] in göttlicher Gestalt war, war so frei, Gott gleich zu sein, entäußerte sich selbst und nahm [a] Knechtsgestalt an, [b] ward den Menschen gleich.

 

Der sogenannte Philipperhymnus und die Menschenrechtserklärung: Beide reden vom freien Menschen. Und vom gleichen Menschen: Gott gleich. Dem Menschen gleich.

 

Auch wenn die Menschenrechte von unterschiedlichen Standpunkte her begründet werden können: Für Christinnen und Christen hat die Gleichheit und die Freiheit des Menschen genau damit zu tun, dass Gott Mensch wird.

 

In Freiheit hat Gott, der Schöpfer, entschieden, seinen Geschöpfen nahe zu kommen:

Er äußert sich all seiner G'walt,

wird niedrig und gering

und nimmt an eines Knechts Gestalt,

der Schöpfer aller Ding.

 

Frank und frei predigte und handelte der erwachsene Jesus, um die Menschen aus ihren gottlosen Bindungen zu befreien, hin zu einem freien Dienst untereinander: Aus der Freiheit sollen sie selber einander dienstbare Knechte werden. Es wird uns zugetraut.

 

Und dann die Gleichheit: In der Schöpfungsgeschichte macht Gott uns Menschen zu seinem Ebenbild. Nur wenig geringer als sich selbst.

Mit der Menschwerdung Gottes nähert sich Gott uns Menschen: Er wird uns gleich, und wir Menschen werden emporgezogen aus unserer Zerrissenheit und unserem Unrecht. Ungleichheit, Rangunterunterschiede zwischen den Menschen, zwischen Reichen und Armen, zwischen Schwarzen und Weißen, Guten und Bösen, sind vor Gott nicht.

 

Konkrete Frage dazu: Woran erkennen wir auf dem Bild eigentlich den Heiland? Worin besteht die Differenz zwischen dem Jesuskind und den Kindern unserer Welt? – Genau genommen ist Jesus von allen anderen Kindern dieses Gemäldes nicht zu unterscheiden. Und das ist bewusst so: Klein, angreifbar, gekrümmt – das sind viele auf diesem Bild.

 

Er liegt dort elend, nackt und bloß /

in einem Krippelein.

 

Macht ihn das zum Heiland? – Ja. Unterscheidet ihn das von den anderen Kindern? – Nein!

 

Das Jesuskind steht in dieser Nacht im Fokus, im Licht der Aufmerksamkeit der Hirten und Weisen. Schon morgen wird es aber von der Bildfläche verschwinden und fliehen müssen. Der, der ein halbes Leben später erst die Mühseligen und Beladenen an seinen Tisch einlädt, gehört selber von Anfang selber zu den Mühseligen und Beladenen.

 

Nur der helle gelbe Stern unterscheidet den Heiland in dieser Nacht von allen anderen Kindern. Der Stern steht in dieser Nacht über der Krippe in Bethlehem. Als Neuanfang Anfang des Schöpfers mit allen seinen Geschöpfen. Gott gibt der Menschheit ein neues Gesicht. (Das Jesuskind ist die einzige Gestalt mit einem Gesicht!)

 

Diese Menschwerdung Gottes ist die Initialzündung für die Menschwerdung des Menschen. Bildlich gesprochen: Ich stelle mir vor, dass der Stern das ganze Bild abwandert. Er verweilt bei jedem Kind. Er erhellt das Leben jedes Einzelnen. Schaut jedem Kind ins Angesicht. Vergisst keins, auch wenn nicht gleich alle Angst und Pein verschwunden sind:

 

Auch wer zur Nacht geweinet,

der stimme froh mit ein.

Der Morgenstern bescheinet

auch deine Angst und Pein.

 

 

IV.

Der Stern bescheint die Kinder dieser Welt. Bescheint die Tatsache, dass sie alle frei und gleich an Würde und Rechten sind.

 

Weihnachten weckt die Sehnsucht und die Hoffnung, dass – nachdem Gott Mensch wurde – der Mensch zum Mensch wird. Das mobilisiert uns. Das gibt uns Kraft und Elan, uns nicht nur um das Gotteskind zu sammeln, sondern um die Kinder dieser Welt.

 

Kindern sind persönliche Beziehungen wichtiger als materielle Werte, wie zu letzt der „Kinderwertemonitor“ von Unicef ans Licht gebracht hat: drei von vier Kindern ist „Freundschaft“ wichtig, nur jedem fünften „Geld und Besitz“. In Zeiten, wo hier zu Lande schon Achtjährige Angst haben, später keine Lehrstelle zu finden, brauchen Kinder ein Zeichen, dass sie nicht hängen gelassen werden. Materielles ist fast sekundär. Es ist der frohe und liebevolle Blick:

 

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh,

Maria und Joseph betrachten es froh,

die redlichen Hirten knien betend davor,

hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.

 

Weihnachten ist an dieser Stelle wenig romantisch, aber so unendlich tröstlich und realistisch – und daher lebensdienlich:

 

Das Licht fällt auf einen Jesus, der den Kindern dieser Erde gleich ist.

 

Werden wir froh, dass Gott uns gleichrangig erschaffen hat, weil das die Hoffnung all derer ist, die Unrecht leiden.

 

Der Morgenstern schließlich führe uns an die Krippen unserer Zeiten. Damit, was Dich, Jesus, ergötze, mir kund und wissend sei.