Borussia – eine Religion?

Ist Borussia eine Religion? – Zum Kirchentag stellte die “Recklinghäuser Zeitung” diese Frage – und einige andere. Antworten aus Sicht eines Pfarrers und Fanclub-Vorsitzenden.

Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal wird es beim Kirchentag in Dortmund ein „Zentrum Sport“ geben. Dr. Dietmar Kehlbreier, Diakoniepfarrer und Geschäftsführer der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen, bereitet dieses Angebot mit vor. In unserem Interview spricht der Vorsitzende des BVB-Fanclubs „Die Bördemalocher“ über die Möglichkeiten des Sports, Werte zu vermitteln, über Konkurrenz und Gemeinsamkeiten von Kirche und Fußball – und gibt eine überraschende Antwort auf die Frage: „Ist Borussia eine Religion?“

?Warum ist der Sport ein Thema für den Kirchentag?

!Der Kirchentag findet ja das erste Mal seit 1991 im Ruhrgebiet statt. Die Evangelische Kirche von Westfalen , hat sich nun entschieden, den eigenen Akzent mit dem „Zentrum Sport“ zu setzen. Erstens, weil das Ruhrgebiet eine sport- und speziell fußballbegeisterte Region ist. Und zweitens, weil das Thema Sport viele Andockpunkte hat, wenn es um Lebensart, Lebenskultur oder Wertevermittlung geht. Alle wesentlichen gesellschaftspolitischen Fragen spiegeln sich im Sport wider.

?Zum Beispiel?

!Beim Doping geht es um Missbräuchlichkeit und Betrug, bei sportlichen Großveranstaltungen um die Eventisierung unserer Gesellschaft. Und bei den Großverbänden kann man die Frage nach Korruption stellen – oder danach, wie eigentlich die Machtstrukturen in unserer Gesellschaft aussehen. Das Thema wird bei uns also auch kritisch gewendet.

?Aber nicht nur?

!Auf keinen Fall. Als Vorsitzender des BVB-Fanclubs „Die Bördemalocher“ weiß ich beispielsweise, dass es in Dortmund von Stadt und Verein Fan-Projekte gibt, die genauso Sozialarbeit leisten wie die Diakonie in der Jugendhilfe. Dabei geht es um Schule, Ausbildung oder Gesundheitserziehung. Man versucht hier, wichtige gesellschaftspolitische Themen an den motivierenden „Mikrokosmos Fußball“ zu hängen. Außerdem hat Sport ja auch etwas mit einem positiven Verhältnis zum eigenen Körper zu tun, mit Lebensfreude. Deshalb werden wir beim Kirchentag Frühgymnastik anbieten und viele weitere kooperative Mitmachangebote machen. Beim Kirchentags-Zehnkampf „DEKTalon“ kann man Werte wie Vertrauen, Respekt, Fairness oder Teamgeist durch den Sport erleben. Daneben gibt es Vorträge oder Talkrunden zu Sport-Themen.

?Sie gehören zu der Arbeitsgruppe, die das „Zentrum Sport“ vorbereitet. Wie bringen Sie sich konkret ein?

!Ich organisiere beispielsweise ein Podium mit: „Steht auf, wenn ihr begeistert seid! – Was heißt es, Fan zu sein?“ Dort werden wir mit dem ehemaligen Sportreporter Manni Breuckmann reden, mit dem BVB-Präsidenten Dr. Reinhard Rauball oder mit den christlich geprägten Fan-Clubs „Mit Gott auf Schalke“ und „Totale Offensive BVB 09“. Wir wollen herausbekommen, was Menschen antreibt, einen Großteil ihrer Freizeit und ihres Geldes in ihre Fan-Leidenschaft zu stecken. Das ist gar nicht abwertend gemeint. Wer sich in einem Fanclub engagiert, der organisiert extrem viel – etwa vor Auswärtsfahrten – übernimmt Verantwortung für andere, fördert eine Gemeinschaft.

?Macht der Sport und speziell der Fußball der Kirche Konkurrenz?

!In jeder Landeskirche und auch bundesweit gibt es den Arbeitskreis „Kirche und Sport“. Gegründet wurde der in den 50er-Jahren, um die Trunksucht der Männer einzudämmen, die zum Fußball gehen. Und um Jugendlichen den Kirchgang zu ermöglichen, die immer am Sonntagmorgen ihre Spiele haben. Damals wurde also die Konkurrenz gesehen.

?Und heute?

!Heute ist es eher so, dass man dort, wo man eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung hat, Koalitionen schmiedet. Ich kenne genügend Leute, die samstags ins Stadion gehen und sonntags in die Kirche. Aber tatsächlich kann einem der Fußball innerhalb der Woche extrem viel Zeit klauen, selbst wenn man nur ein passiver Fernsehzuschauer ist. Manchmal wünschte ich mir, dass mehr Zeit in reale Begegnungen oder Engagement für andere fließen würde – oder eben auch für die Kirche vorhanden wäre. Grundsätzlich sehe ich aber nicht so sehr die Konkurrenz, sondern finde es total spannend, wenn die beiden Welten aufeinanderprallen. Das wird ja auch beim Abschlussgottesdienst des Kirchentags so sein, wenn 80.000 Leute ins Dortmunder Fußballstadion kommen.

?Dem Fußball wird unterstellt, er habe sich bei den Kirchen bedient, weil er in seinen „Kathedralen“ messeähnliche Rituale praktiziert: Kicker, die zu den immer wieder gleichen Hymnen ins Stadion einziehen und Pokale wie eine Monstranz hochhalten. Aber muss man mittlerweile nicht fragen, was die Kirche von der Inszenierung des Fußballs lernen kann, um wieder attraktiver zu werden?

!Beide Systeme entwickeln eine Skepsis, wenn sie sich einander anbiedern. In Dortmund hatten wir mal eine Trauung auf dem Spielfeld, das hat nicht funktioniert, das ist nicht der richtige Rahmen. Umgekehrt passen Fußballgesänge nur dann in die Kirche, wenn sie von Leuten gesungen werden, die eine Nähe zum Glauben haben. Wenn das Ganze nur inszeniert wird, stört es. Es muss von beiden Seiten mit Leben gefüllt sein, mit Authentizität.

?Wie könnte das gehen?

!Ein klassisches Beispiel dafür ist das Lied „You’ll never walk alone“. Es wird im Kirchentagsliederbuch stehen. Weil es einerseits das Lied des Fußballs ist, in Dortmund wird es vor jedem Spiel gesungen. Aber andererseits auch, weil es fast wortwörtlich auf Sprachbilder aus dem Buch des Propheten Jesaja zurückgeht. Ich habe „You’ll never walk alone“ schon bei Trauungen und auch Beerdigungen singen lassen. Man muss es dann in den kirchlichen Kontext übertragen, aber das geht ganz einfach. Wenn die Kirche hier an eine bekannte Melodie andockt, zeigt sie, dass sie im normalen Leben steht. Und gleichzeitig ist das ein Zeichen dafür, dass der Fußball eine Emotionalität hat, die die Menschen fasziniert – bis in den Gottesdienst hinein. Ich bin gespannt, wie „You’ll never walk alone“ auf dem Kirchentag klingen wird, ob es echt bleibt. Ich glaube schon.

?Ist Borussia Dortmund eine Religion? Schalke 04? Der Fußball insgesamt?

!Wenn jemand auf seiner Kutte einen Sticker mit der Aufschrift hat „Borussia – eine Religion“, dann nehme ich das erst mal ernst. Aber ich gehöre einer Institution an, die selber durch die Stählung der Aufklärung gegangen ist. Und wenn mir ein Fan diese Steilvorlage gibt, dann frage ich ihn auch: Nützt dir diese „Religion“, um deine Lebensfragen zu klären – oder verdunkelt sie den Blick auf die Realität? Dann stelle ich die gleichen religionskritischen Fragen, die mir als Christ auch gestellt werden. Das muss er dann aushalten. Also: Was trägt dich denn in einer Lebenskrise? Hast du dann wirklich die Solidarität deiner Freunde auf der Südtribüne? Wenn das so ist, dann ist das gut – aber ich mache mal ein großes Fragezeichen dahinter. Wenn Fußball eine „Religion“ ist, darf er nicht den Alltag vernebeln. Und wenn einer immer nur auf den nächsten Samstag wartet, ist das schwierig.

?Welche Rolle spielt der Fußball für Sie?

!Für mich ist Fußball schlicht die schönste Nebensache der Welt. Und diese Nebensache kann einen tatsächlich auch für einen Nachmittag in eine völlig andere Welt führen. Es ist fast wie beim griechischen Drama: Trauer, Wut, Freude, Sekundentod – all das erlebt man in 90 Minuten. Entscheidend ist aber, dass man dann auch wieder gereinigt den Schritt zurück in den Alltag findet.

?Die Antworten auf die großen Fragen finden Sie also woanders?

!Ja. Wenn die erste Frage des Heidelberger Katechismus der Reformierten lautet: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ – dann ist die Antwort: „Jesus Christus“. Wenn es letztlich um die Existenz geht, und darum, was Hoffnung über das Hier und Jetzt hinaus gibt, dann hat der Fußball keine Antwort.

?Es sagt aber viel aus, dass wir so ernsthaft darüber reden…

!Bill Shankly, die Trainerlegende des FC Liverpool, hat mal gesagt: „Einige Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!“ Das war natürlich ironisch gemeint. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der sich manche Fans um den Fußball kümmern, darf man nicht unterschätzen. Das habe ich schnell gelernt. Wenn ein Dortmund-Fan keine Aral-Tankstelle anfährt, weil sie blau ist, oder wenn ein Schalker die A 40 meidet, weil sie durch Dortmund führt… Das ist lustig, hat aber auch schon den Moment eines Bekenntnisses.

?Das sind sehr krasse Beispiele.

!Ja, aber wenn man sieht, wie tief der Fußball in den Alltag der Menschen eingreift, kann mal als Theologe wirklich neidisch werden. So eine Alltagskraft wünsche ich auch der christlichen Religion.

Quelle: Recklinghäuser Zeitung, Di., 4. Juni 2019