Ein Blick aus der Diakonie auf Kirche

Unser Diakonisches Werk ist in ein eigenes „Haus der Diakonie“ gezogen, einem ehemaligen Altenheim. Wo einst der Speisesaals war, haben wir ein Bistro eingerichtet. Meine Idee war, die einstige Kapelle aufzugeben und einen Andachtsort mitten im Bistro zu schaffen, als Mittelpunkt des Hauses, als einen Ort, wo unsere Kirchlichkeit stets zu sehen ist und wo womöglich „Kirche bei Bedarf“ entsteht.

Impuls zur Begegnung diakonischer Vorstände und Superintendent*innen, 6.5.19, Dortmund

Kirche und Diakonie sind eben Geschwister, nicht entfernte Verwandte, haben wir letztes Mal hier festgestellt. Aber ganz so einfach ist es –auch bei unserem Bistro – nicht.

 

Erst wunderten sich die diakonischen Leitungskräfte, dass ich mir Gedanken über so etwas wie das „ius liturgicum“ machte: Kann ich einfach so eine Kapelle aufgeben? Was ist bei Gestaltung des Andachtsortes, v.a. in einem Bistro, zu beachten?

Dann wunderte sich unsere Superintendentin, dass die Diakonie-MAV wegen der Andachten eine Erörterung beantragte: ob die Andacht freiwillig sein, ob es Arbeitszeit sei, wer zur Andacht eingeladen wäre.

 

Das Thema könnte man wunderbar eskalieren lassen. Oder man kann feststellen – auch für unseren Diskurs heute: Was immer man theologisch über das Verhältnis von Kirche und Diakonie sagen kann: systemtheoretisch sind Diakonie und Kirche in ihrer jeweiligen Sozialgestalt zwei verschiedene Systeme mit einigen Logiken und Rationalitäten. Die Uhren ticken eben anders.

 

 

II.

Ich bleibe beim Andachtsort im Bistro – das ist ein kleiner offener Halbkreis aus Hockern, die vor einer künstlerisch gestalteten Wand rund um ein Pult stehen. Auf dem Pult liegt eine aufgeschlagene Bibel. Im Hintergrund wird gemeinsam gegessen oder eben die Stühle von den Essenstischen hinzugeschoben und Andacht gefeiert.

 

Da steckt eine ekklesiologische Idee hinter und wir möchten an einem diakonischen Ort etwas über Kirche sagen.

 

  1. Kirche ist – selbstverständlich – da.

Kirche ist da, wenn Gottes Wort gepredigt und die Sakramente gereicht werden – soweit ganz CA VII.

 

 

 

Aber: 2. Es kommt in unserem Bistro bei einer Andacht nicht die „Versammlung aller Gläubigen“ zusammen (so das reformatorische Bekenntnis), sondern eine heterogene, auch konfessionell diverse „Dienstgemeinschaft“.

 

Diversität zu gestalten, auch hinsichtlich konfessioneller Prägungen, über ein formales Mitgliedschaftsmerkmal hinaus  – das ist heute eine unserer wesentlichen Herausforderungen der Diakonie. Genauso aber doch auch für Kirche!

 

Kirche kann, anstatt den allgemeinen Traditionsabbruch zu beklagen, unterschiedliche Zugangswege und Zugangstiefen der Menschen zu Glaube und Kirche ernst nehmen. Dann muss sie aber eine neue Hermeneutik entwickeln.

 

Pointiert: Schaffen wir es, Neugierde zu wecken für einen unbekannte christlichen Glauben? Für eine unbekannten Arbeitsgeberin Diakonie?

 

Ich erlebe in der Diakonie diese Neugierde, gerade bei „Kirchenfernen“: für Gottesdienste, für diakonische Fortbildungsangebote. Oder: In einem Personalmarketing-Projekt haben wir sehr produktiv mit der Frage gerungen, warum sich Menschen gerade bei der Diakonie bewerben sollen! – Warum sollen Menschen wieder in die evangelische Kirche eintreten oder sich taufen lassen?

 

  1. In unserem Bistro versammelt sich eine Gemeinde vor Ort – aber eben keine Ortsgemeinde im kirchenrechtlichen Sinne. Als ehemaliger Gemeindepfarrer weiß ich um den Wert der Parochie, aber auch um ihre Grenzen.

Hier sehe ich die größte (allerdings oft verschüttete) Konfliktlinie zwischen Diakonie und Kirche: Die verfasste Diakonie hat einen eher weiten, vom öffentlichen Auftrag her geprägten Kirchenbegriff, die verfasste Kirche einen eher engen, gruppenbezogenen Kirchenbegriff.

 

Positiv gewendet: Trügen wir mal alle kirchlichen und diakonischen Orte eines Sozialraums, eines Quartiers, auf einen Stadtplan ein – niemals käme der Eindruck auf, „die Kirche“ würde kleiner. Aber wir würden eben nicht nur die „Ortskirche“ sehen, sondern „kirchliche Orte“ wie Kindergärten, Altenheime, Gemeindehäuser, Kirchen etc. Wir spielen unsere gemeinsamen Stärken im Sozialraum längst nicht aus!

 

  1. Wenn ich eine besondere ekklesiologische Note suche, die gleichermaßen die Kirche des Wortes und die Kirche der Tat verbindet, dann muss es in meinen Augen eine christologische Pointe sein.

 

Kirche und Diakonie verbinden sich an der Stelle, wo es um die radikale Menschlichkeit, um das Ebenbild Gottes mit seiner unantastbaren, aber eben verletzbaren Würde geht und um die eschatologische Hoffnung auf das Reich Gottes. Diese Spannung atmet jedes biblische Christuszeugnis!

 

Nicht von ungefähr sind die beiden wesentlichen ekklesiologischen Diakonie-Entwürfe des 20. Jhd, die von Heinz Dietrich Wendland  und Paul Philippi christologisch geprägt, vom Philipperhymnus her denkend bzw. vom Abendmahl.

 

Wenn ich mir das Leben in unserem Bistro anschaue, dann haben wir einen Ort geschaffen, der das Potential hat, die Gottes- und die Menschenperspektive zusammenzubringen: eine gemeinsame Pause unter Kollegen – oder eine Andacht in Gemeinschaft. Heil im Sakrament. Oder richtig diakonisch-basales Wohl im Sattwerden und Essen.